Veröffentlicht am März 11, 2024

Unfälle im Lager sind keine Schicksalsschläge, sondern oft die Folge lückenhafter Sicherheitskonzepte, für die Sie als Leiter persönlich haften.

  • Physische Barrieren bieten einen weitaus höheren Schutz als reine Bodenmarkierungen und bilden die erste Verteidigungslinie.
  • Lückenlos dokumentierte Inspektionen und interaktive Schulungen sind Ihr wichtigster Nachweis, um im Schadensfall nicht grob fahrlässig gehandelt zu haben.
  • Moderne Technologien wie Sensorik und Heatmaps helfen, Risiken proaktiv zu erkennen, bevor ein Unfall geschieht.

Empfehlung: Etablieren Sie Sicherheit nicht als reaktive Pflicht, sondern als ein proaktives, mehrschichtiges und vor allem lückenlos dokumentiertes System, um Ihre Mitarbeiter und sich selbst rechtlich abzusichern.

Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit: Ein Mitarbeiter, den Blick auf sein Mobiltelefon gerichtet, tritt aus einer Regalreihe, während ein Gabelstaplerfahrer rückwärts um die Ecke biegt. Quietschen, ein Schrei – im besten Fall nur ein Schreckmoment. Als Lagerleiter oder Sicherheitsbeauftragter wissen Sie, dass solche Szenarien der tägliche Albtraum sind. Die üblichen Antworten sind schnell zur Hand: auffällige Warnwesten, farbige Bodenmarkierungen und regelmässige Sicherheitsunterweisungen. Diese Massnahmen sind zweifellos das Fundament der Lagersicherheit.

Doch was, wenn diese Standardlösungen nur eine trügerische Sicherheit schaffen? Was, wenn der entscheidende Faktor nicht die Farbe auf dem Boden ist, sondern die lückenlose Kette der dokumentierten Verantwortung? Viele Sicherheitskonzepte scheitern nicht am Mangel an Markierungen, sondern an der fehlenden Konsequenz in ihrer Umsetzung und Überwachung. Ein abgefahrenes Klebeband, eine vergessene Regalinspektion oder eine pro forma unterschriebene Sicherheitsbelehrung können im Ernstfall zu einer juristischen Haftungsfalle werden, die nicht nur den Versicherungsschutz, sondern auch Ihre persönliche Verantwortung als Führungskraft betrifft.

Dieser Leitfaden geht daher einen Schritt weiter. Wir betrachten visuelle Leitsysteme nicht als isolierte Massnahme, sondern als zentralen Baustein eines umfassenden, rechtssicheren Arbeitsschutzkonzeptes. Statt nur das „Was“ zu beschreiben, fokussieren wir auf das „Wie“ und „Warum“. Wir decken auf, wo die häufigsten Schwachstellen in der Praxis liegen und wie Sie diese schliessen, um eine proaktive Sicherheitskultur zu schaffen, die Unfälle verhindert, bevor sie entstehen. Es geht darum, Sicherheit von einer reinen Pflichterfüllung in ein intelligentes, in die Prozesse integriertes System zu verwandeln.

In den folgenden Abschnitten analysieren wir die kritischsten Bereiche der Lagersicherheit. Von der Wahl der richtigen Barrieren über die rechtlichen Fallstricke bei Inspektionen und Unterweisungen bis hin zu modernen technologischen Lösungen zur Optimierung von Arbeitsabläufen – dieser Artikel liefert Ihnen die notwendigen Strategien, um Ihre Unfallquote nachhaltig zu senken und Ihre rechtliche Absicherung zu maximieren.

Bodenmarkierung oder Barriere: Was schützt Fussgänger wirklich vor dem Gabelstapler?

Die gelbe Linie auf dem Betonboden ist ein universelles Symbol der Lagersicherheit. Doch ihre Schutzwirkung ist rein psychologisch und versagt, sobald ein Fahrer abgelenkt ist oder die Kontrolle über sein Flurförderzeug verliert. Die entscheidende Frage für Sie als Verantwortlicher ist nicht, ob markiert werden muss, sondern ob diese Markierung ausreicht. In Zonen mit hoher Personalfrequenz oder unübersichtlichen Kreuzungen ist die Antwort ein klares Nein. Echte Sicherheit erfordert eine physische Trennung von Mensch und Maschine. Physische Barrieren wie Schutzplanken, Poller oder selbstschliessende Tore sind keine Option, sondern eine Notwendigkeit, um die kinetische Energie eines Staplers aufzuhalten.

Sicherheitsexperten betonen, dass in Arbeitszonen mit konzentriertem Personal physische Barrieren wie Tore deutlich effektiver sind als einfache Bodenmarkierungen. Die Trennung von Verkehrswegen ist nicht nur eine Empfehlung, sondern eine grundlegende Anforderung der Betriebssicherheitsverordnung. Der beste Ansatz ist ein mehrschichtiges System, oft als „Schweizer-Käse-Modell“ der Sicherheit bezeichnet. Jede Schutzmassnahme – Bodenmarkierung, Warnleuchte, Barriere – hat Lücken, aber in Kombination minimieren sie die Wahrscheinlichkeit, dass alle Schutzebenen gleichzeitig versagen.

Mehrschichtige Sicherheitssysteme mit Bodenmarkierungen und Barrieren im Lager

Dieses Modell verdeutlicht, dass eine einzelne Massnahme niemals ausreicht. Ein visuelles Leitsystem, ergänzt durch physische Barrieren, schafft eine robuste Verteidigung. Moderne LED-Projektionssysteme bieten hier eine flexible Alternative zu geklebten oder gemalten Linien, da sie abriebfest sind und dynamisch angepasst werden können. Dennoch können auch sie eine massive Stahlbarriere im Kollisionsfall nicht ersetzen. Die Kunst liegt in der intelligenten Kombination der Systeme, abgestimmt auf die spezifische Gefährdungsbeurteilung jedes einzelnen Lagerbereichs.

Ihr Plan zur Auswahl der richtigen Schutzmassnahmen

  1. Gefährdungsbeurteilung durchführen: Messen Sie die Verkehrsfrequenz und die typische Geschwindigkeit von Gabelstaplern in verschiedenen Zonen, um Hotspots zu identifizieren.
  2. Layout-Flexibilität bewerten: Evaluieren Sie, wo fixe Barrieren sinnvoll sind (z. B. an permanenten Arbeitsplätzen) und wo flexible Lösungen wie projizierte Linien oder temporäre Absperrungen benötigt werden.
  3. Farbcodierung festlegen: Implementieren Sie eine klare und konsistente Farbcodierung gemäss ASR A1.3, z. B. Gelb für Fahrwege und Grün oder Blau für Fussgängerzonen.
  4. Technologie wählen: Entscheiden Sie zwischen LED-projizierten Linien für flexible, abriebfeste Markierungen und physischen Barrieren für eine permanente, unüberwindbare Trennung.
  5. Kombinationslösung implementieren: Schaffen Sie mehrschichtige Sicherheit, indem Sie visuelle Leitsysteme mit physischen Barrieren an den kritischsten Punkten überlagern.

Warum Sicherheitsschuhe S3 im Lager Pflicht sind, auch für Besucher

Die Vorschrift zum Tragen von Persönlicher Schutzausrüstung (PSA) ist unmissverständlich. Im Lagerumfeld, wo herabfallende Gegenstände oder das Überrollen des Fusses durch einen Hubwagen zu den alltäglichen Gefahren gehören, sind Sicherheitsschuhe unerlässlich. Die Norm S3 geht dabei über eine einfache Schutzkappe hinaus. Sie umfasst zusätzlich eine durchtrittsichere Sohle, die vor Nägeln oder scharfen Splittern auf dem Boden schützt, sowie ein wasserabweisendes Obermaterial. Diese Eigenschaften sind nicht verhandelbar.

Ein häufiger Fehler in der Praxis ist die inkonsequente Anwendung dieser Regel. Während die eigenen Mitarbeiter meist vorschriftsmässig ausgestattet sind, wird bei Besuchern, Leiharbeitern oder sogar dem eigenen Managementpersonal oft ein Auge zugedrückt. Dies ist eine gefährliche Haftungslücke. Im Schadensfall spielt es keine Rolle, ob der Verletzte nur für fünf Minuten im Lager war. Die Pflicht zur Bereitstellung und zum Tragen von geeigneter PSA gilt für jede Person, die den Gefahrenbereich betritt. Als Sicherheitsbeauftragter müssen Sie eine Lösung für diesen temporären, aber kritischen Bedarf finden.

Fallbeispiel: Überschuhe als praktische Besucherlösung

Eine pragmatische und kosteneffiziente Lösung, die sich in vielen Betrieben bewährt hat, ist der Einsatz von Sicherheits-Überziehern. Diese sind mit Stahlkappen ausgestattet, die eine Energieaufnahme von 200 Joule gewährleisten und somit den wesentlichen Schutz vor Stosseinwirkungen bieten. Dank ihres dehnbaren Materials können sie von Besuchern einfach und schnell über die eigenen Strassenschuhe gezogen werden. Dies gewährleistet den Schutz während einer Führung durch das Lager oder die Werkshalle, ohne dass ein ganzes Sortiment an Sicherheitsschuhen in allen Grössen vorgehalten werden muss. Nach dem Besuch werden die Überzieher wieder entfernt. Diese Methode schliesst die Sicherheitslücke für temporäres Personal, ohne den Betriebsablauf zu stören.

Die Implementierung einer solchen Lösung zeigt, dass Sie die Gefährdung ganzheitlich betrachten und proaktiv handeln. Es ist ein einfaches, aber wirkungsvolles Signal, dass Sicherheit in Ihrem Betrieb keine Ausnahmen kennt. Diese Konsequenz ist es, die im Zweifelsfall Ihre Sorgfaltspflicht belegt.

Wie oft müssen Ihre Palettenregale zur Inspektion, um die Haftung zu vermeiden?

Ein anfahrschaden an einem Regalständer mag harmlos aussehen, kann aber die Statik der gesamten Konstruktion beeinträchtigen. Ein Regalversagen führt nicht nur zu massiven Sachschäden, sondern stellt eine tödliche Gefahr für Ihre Mitarbeiter dar. Als Betreiber sind Sie gesetzlich verpflichtet, die Sicherheit Ihrer Lagereinrichtungen zu gewährleisten. Die Normen DIN EN 15635 und FEM 4.004 geben hier klare Vorgaben, deren Nichteinhaltung als grobe Fahrlässigkeit gewertet wird. Die Frage ist also nicht, ob geprüft werden muss, sondern wie der Prüfzyklus lückenlos dokumentiert wird.

Die Vorschriften definieren eine klare Hierarchie von Inspektionen, die sicherstellt, dass Schäden frühzeitig erkannt und behoben werden. Die Verantwortung liegt auf mehreren Schultern, von der täglichen Sichtprüfung durch den Staplerfahrer bis zur jährlichen Experteninspektion durch eine befähigte Person. Jeder dieser Schritte muss nachvollziehbar dokumentiert werden. Ein fehlendes Prüfprotokoll kann im Schadensfall zum Verlust des Versicherungsschutzes und zu empfindlichen Strafen führen.

Inspektionsintervalle nach FEM 4.004 und DIN EN 15635
Inspektionsart Intervall Durchführung Dokumentation
Tägliche Sichtprüfung Täglich vor Einsatzbeginn Staplerfahrer Mängelmeldung
Experteninspektion Jährlich Befähigte Person Prüfprotokoll nach FEM 4.004
Nach Schadensereignis Sofort Fachkundige Person Schadensprotokoll

Moderne Technologien können diesen Prozess erheblich unterstützen und die Sicherheit proaktiv erhöhen. Anstatt nur auf menschliche Inspektionen zu vertrauen, können digitale Systeme eine kontinuierliche Überwachung ermöglichen.

Fallbeispiel: Technologiegestützte Regalüberwachung

Einige Flottenmanagement-Systeme, wie das von Toyota Material Handling eingesetzte I_Site, nutzen Telematik-Stapler mit integrierten Schocksensoren. Bei einer Kollision mit einem Regal erfasst das System automatisch den Zeitpunkt, den Fahrer und die Intensität des Aufpralls. Diese Daten werden zentral gespeichert und können eine sofortige Wartungsmeldung auslösen. So wird aus einer reaktiven Inspektion eine proaktive Massnahme. Anfahrschäden werden nicht erst bei der nächsten wöchentlichen oder jährlichen Prüfung entdeckt, sondern unmittelbar nach ihrem Entstehen. Dieser Ansatz reduziert das Einsturzrisiko präventiv und schafft eine lückenlose Dokumentationskette des Regalzustands.

Der Fehler bei der Sicherheitsbelehrung, der Sie im Schadensfall den Versicherungsschutz kostet

Angesichts von 783.426 meldepflichtigen Arbeitsunfällen im Jahr 2023 allein in Deutschland, von denen 33.834 im Zusammenhang mit Flurfördermitteln standen, ist die Sicherheitsunterweisung ein zentrales Instrument der Prävention. Doch hier lauert eine der grössten Haftungsfallen: die Annahme, eine Unterschrift auf einem Teilnahmezettel sei ein ausreichender Nachweis. Im Rechtsstreit wird ein Gericht nicht nur fragen, *ob* eine Unterweisung stattgefunden hat, sondern *wie* sie durchgeführt wurde und ob der Mitarbeiter die Inhalte auch wirklich verstanden hat. Eine monotone PowerPoint-Präsentation, die jährlich abgespult wird, gilt hier schnell als unzureichend.

Der entscheidende Fehler ist die Fokussierung auf die Teilnahme statt auf das Verständnis. Eine rechtssichere Unterweisung muss interaktiv sein und das Wissen der Teilnehmer aktiv abfragen. Es geht darum, eine dauerhafte Verhaltensänderung zu bewirken und nicht nur eine formale Pflicht zu erfüllen. Visuelle Leitsysteme im Lager können hier als eine Art permanente, nonverbale Sicherheitsunterweisung dienen, die die gelernten Regeln täglich ins Gedächtnis ruft. Der grüne Fussweg erinnert ständig daran: „Hier bist du sicher.“ Die gelbe Fahrspur mahnt: „Achtung, Staplerverkehr.“

Farbcodierte Bodenmarkierungen als dauerhafte Sicherheitserinnerung im Lager

Um die Wirksamkeit Ihrer Schulungen zu maximieren und eine lückenlose Dokumentation zu gewährleisten, müssen Sie über traditionelle Methoden hinausgehen. Moderne Ansätze setzen auf Engagement und praktische Anwendung, um sicherzustellen, dass die Sicherheitsregeln nicht nur gehört, sondern verinnerlicht werden.

Checkliste für eine rechtssichere Unterweisung

  1. Basis-Fahrerschulung (Stufe 1): Stellen Sie sicher, dass alle Fahrer die allgemeine Qualifizierung nach DGUV Grundsatz 308-001 auf Frontstaplern besitzen.
  2. Zusatzqualifizierung (Stufe 2): Führen Sie spezielle Trainings für komplexere Geräte wie Schubmast-, Seiten- oder Hochhubstapler durch und dokumentieren Sie diese gesondert.
  3. Gamification integrieren: Führen Sie ein Punktesystem für proaktive Sicherheitsmeldungen oder vorbildliches Verhalten ein, um die Aufmerksamkeit zu steigern.
  4. VR-Simulationen nutzen: Trainieren Sie gefährliche Situationen wie das Ausweichen oder das Manövrieren in engen Gängen realitätsnah in einer virtuellen Umgebung, ohne echtes Risiko.
  5. Dokumentation des Verständnisses sicherstellen: Beenden Sie jede Schulung mit einem kurzen Test oder einer praktischen Übung und archivieren Sie die Ergebnisse digital als Nachweis des Verständnisses, nicht nur der Anwesenheit.

Was tun, wenn Chemikalien im Wareneingang auslaufen?

Ein Leck in einem Fass oder ein beschädigter Kanister im Wareneingang kann sich schnell von einem kleinen Malheur zu einer ernsten Gefahr für Mitarbeiter und Umwelt entwickeln. Die Herausforderung besteht darin, in einer potenziell chaotischen Situation einen kühlen Kopf zu bewahren und systematisch vorzugehen. Wie SESA Systems in ihrem Leitfaden für industrielle Sicherheit betont: „In Lagern, in denen Gabelstapler und andere Nutzfahrzeuge fahren, müssen Industriebetriebe alle möglichen Massnahmen ergreifen, um eventuellen Unfällen vorzubeugen und Risiken zu beherrschen.“ Das gilt insbesondere für den Umgang mit Gefahrstoffen.

In Lagern, in denen Gabelstapler und andere Nutzfahrzeuge fahren, müssen Industriebetriebe alle möglichen Massnahmen ergreifen, um eventuellen Unfällen vorzubeugen und Risiken zu beherrschen.

– SESA Systems, Leitfaden für industrielle Sicherheit

Die grösste Gefahr bei einem Chemikalienunfall ist nicht immer die Substanz selbst, sondern die unkoordinierte Reaktion darauf. Mitarbeiter, die ohne Schutzausrüstung versuchen, etwas aufzuwischen, oder die Verwendung falscher Bindemittel können die Situation dramatisch verschlimmern. Ein klar definierter und regelmässig trainierter Notfallplan ist daher unerlässlich. Jeder Mitarbeiter muss genau wissen, was im Ernstfall seine Aufgabe ist – vom Absperren des Bereichs bis zur Alarmierung des zuständigen Sicherheitspersonals. Die Verfügbarkeit von Notfall-Kits mit passenden Bindemitteln und persönlicher Schutzausrüstung an strategischen Punkten ist dabei eine Grundvoraussetzung.

Ihr A-B-C-D Notfallprotokoll bei Chemikalienunfällen

  1. A – Absichern: Sperren Sie den Gefahrenbereich sofort weiträumig ab. Aktivieren Sie Warnleuchten und halten Sie Unbeteiligte fern.
  2. B – Benachrichtigen: Alarmieren Sie unverzüglich den Sicherheitsbeauftragten und das interne Notfallteam. Halten Sie das Sicherheitsdatenblatt der ausgetretenen Chemikalie bereit.
  3. C – Chemikalie binden: Verwenden Sie das spezifische, für die Substanz geeignete Bindemittel aus dem Notfall-Kit. Arbeiten Sie sich beim Aufstreuen immer von aussen nach innen vor, um die Ausbreitung zu stoppen.
  4. D – Dekontaminieren: Reinigen Sie die betroffenen Flächen nach der Aufnahme des Bindemittels mit den vorgeschriebenen Mitteln. Sorgen Sie für eine vorschriftsmässige Entsorgung der kontaminierten Materialien.

Dieses Protokoll muss sichtbar aushängen und Teil jeder Sicherheitsunterweisung sein. Nur so wird aus einem reaktiven Handeln im Chaos ein strukturierter und sicherer Prozess.

Dürfen Sie Packer filmen, um Diebstahl zu verhindern? (Betriebsrat-Check)

Diebstahl und Schwund sind ein ernstes Problem in der Logistik. Der erste Impuls vieler Unternehmen ist die Installation von Videokameras zur Überwachung von sensiblen Bereichen wie der Verpackungszone. Doch dieser Schritt ist rechtlich hochkomplex und birgt erhebliche Risiken. In Deutschland regeln die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und das Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) den Einsatz von Überwachungstechnologien sehr streng. Eine permanente Leistungs- und Verhaltenskontrolle der Mitarbeiter ist grundsätzlich unzulässig.

Die Videoüberwachung zum Schutz des Eigentums ist nur unter engen Voraussetzungen erlaubt, etwa wenn ein konkreter, dokumentierter Verdacht besteht und keine milderen Mittel zur Aufklärung zur Verfügung stehen. In jedem Fall ist die Zustimmung des Betriebsrats zwingend erforderlich. Ein eigenmächtiges Vorgehen kann nicht nur zu rechtlichen Auseinandersetzungen, sondern auch zu einem nachhaltig vergifteten Betriebsklima führen. Der klügere Ansatz liegt daher nicht in der Überwachung der Mitarbeiter, sondern in der Optimierung der Prozesse, um Diebstahlsgelegenheiten von vornherein zu minimieren.

Fallbeispiel: Präventive Prozessgestaltung statt Überwachung

Moderne Lagerbetriebe setzen auf transparente und lückenlos nachvollziehbare Prozesse. Anstatt Mitarbeiter zu filmen, wird der Weg der Ware verfolgt. Visuelle Leitsysteme, digitale Stelen und farbcodierte Bereiche schaffen eine klare Struktur, die Abweichungen sofort sichtbar macht. Jeder Scan eines Artikels wird im System erfasst, von der Einlagerung bis zum Versand. Die Kombination aus konsistenten Symbolen und digitalen Leitsystemen, die Mitarbeiter per App oder Handscanner auf optimierten Routen führen, macht ein lückenloses Scannen an jeder Prozessstation zur logischen Notwendigkeit. Dies reduziert nicht nur Fehler, sondern minimiert auch die Versuchung zum Diebstahl, da jede Warenbewegung transparent ist – ein Ansatz, der Betriebsklima und Sicherheit gleichermassen fördert, ohne in die Persönlichkeitsrechte der Mitarbeiter einzugreifen.

Der Fokus sollte also darauf liegen, Systeme zu schaffen, in denen Fehlverhalten oder Diebstahl durch prozessuale Logik erschwert wird, anstatt auf eine konfrontative Überwachung zu setzen. Dies stärkt das Vertrauen und die Eigenverantwortung der Belegschaft.

Wie Sie unnötige Laufwege Ihrer Mitarbeiter sichtbar machen und streichen

Jeder überflüssige Meter, den ein Mitarbeiter im Lager zurücklegt, ist verschwendete Zeit und Energie. Doch überflüssige Laufwege sind mehr als nur ein Effizienzproblem – sie sind auch ein Sicherheitsrisiko. Ermüdung führt zu Unaufmerksamkeit, und Unaufmerksamkeit führt zu Unfällen. Berechnungen zur physischen Belastung zeigen, dass bereits 15 % weniger Laufweg pro Schicht zu einem messbar niedrigeren Risiko für Unaufmerksamkeitsfehler führen. Die Optimierung der Laufwege ist somit ein direkter Beitrag zur Unfallprävention.

Das klassische „Spaghetti-Diagramm“, bei dem die Wege eines Mitarbeiters auf einem Grundriss nachgezeichnet werden, ist ein guter Anfang, aber oft ungenau und aufwendig. Moderne Technologien ermöglichen heute eine wesentlich präzisere und datengestützte Analyse der Bewegungsströme im Lager.

Digitale Wärmebildkarte zeigt optimierte Laufwege im Lagerlayout

Diese digitalen Werkzeuge decken schonungslos auf, wo sich Wege unnötig kreuzen, wo Staus entstehen und welche Routen ineffizient sind. Sie liefern die objektive Datengrundlage für eine intelligente Neugestaltung des Lagerlayouts und der dazugehörigen visuellen Leitsysteme.

Fallbeispiel: Digitale Heatmap-Analyse zur Wegeoptimierung

Unternehmen nutzen zunehmend Indoor-Positioning-Systeme (RTLS), um anonymisierte Verkehrsflussanalysen in Echtzeit durchzuführen. Mitarbeiter oder Flurförderzeuge werden mit kleinen Sendern ausgestattet, die ihre Position kontinuierlich an ein zentrales System melden. Die daraus entstehenden Heatmaps visualisieren die Bewegungsmuster und zeigen hochfrequentierte Zonen (rot) und kaum genutzte Bereiche (blau). Basierend auf diesen Daten können Lagerlayouts so umgestaltet werden, dass häufig benötigte Artikel näher an der Verpackungsstation liegen oder Ein- und Auslagerungswege getrennt werden. Farbcodierte Bodenmarkierungen fungieren dann als intuitive „Logistik-Autobahnen“, die die Mitarbeiter auf den neuen, optimierten Wegen leiten – zum Beispiel Grün für Einlagerung, Blau für Kommissionierung und Rot für Retouren.

Durch die datengestützte Optimierung von Laufwegen schlagen Sie zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie steigern nicht nur die Produktivität, sondern reduzieren auch aktiv die physische Belastung und das Unfallrisiko Ihrer Mitarbeiter.

Das Wichtigste in Kürze

  • Dokumentierte Verantwortung: Ihre rechtliche Absicherung hängt nicht von der Existenz von Sicherheitsmassnahmen ab, sondern von deren lückenloser Überwachung und Dokumentation.
  • Proaktive Technologie: Moderne Systeme wie Sensoren in Staplern oder Heatmap-Analysen helfen, Risiken zu identifizieren und zu beseitigen, bevor ein Unfall geschieht.
  • Integrierte Sicherheit: Die effektivsten Sicherheitskonzepte sind keine nachträglichen Ergänzungen, sondern fest in die täglichen Arbeitsprozesse und das Lagerlayout integriert.

Sprinkler oder Gaslöschanlage: Was rettet Ihr Lager, ohne die Ware zu fluten?

Ein Brand ist das katastrophalste Ereignis, das ein Lager treffen kann. Die Wahl des richtigen Löschsystems ist daher eine der wichtigsten strategischen Entscheidungen. Die klassische Sprinkleranlage ist kostengünstig und zuverlässig, hat aber einen entscheidenden Nachteil: Der Wasserschaden kann oft verheerender sein als der Brandschaden selbst, insbesondere bei empfindlicher Elektronik oder wasserlöslicher Ware. Es stellt sich also die Frage: Wie kann man das Feuer bekämpfen, ohne gleichzeitig die unversehrte Ware zu zerstören?

Die Antwort liegt in alternativen Löschtechnologien, die ohne oder mit minimalem Wassereinsatz auskommen. Diese sind in der Anschaffung zwar teurer, können aber im Ernstfall Millionen an Warenwerten retten. Die Entscheidung hängt stark von der Art der gelagerten Güter und dem Gesamtwert des Bestands ab. Eine Total-Cost-of-Ownership-Betrachtung, die potenzielle Warenschäden einbezieht, ist hier unerlässlich.

Die folgende Analyse zeigt eine vergleichende Übersicht der gängigsten Systeme, die Ihnen als Entscheidungsgrundlage dienen kann.

Vergleich moderner Löschsysteme – Total Cost of Ownership
System Anschaffung Wartung/Jahr Warenschaden Eignung
Sprinkler Niedrig Gering Hoch (Wasser) Standardlager
Gaslöschanlage Sehr hoch Mittel Keine Elektroniklager
Wassernebel Hoch Mittel Minimal Universell
Sauerstoffreduzierung Sehr hoch Hoch Keine Archive/Hochregallager

Unabhängig vom gewählten System darf ein entscheidender Aspekt nicht vergessen werden: die Alarmierung. Wie Experten für industrielle Sicherheit betonen, steht die Evakuierung immer vor der Löschung. In lauten Lagerumgebungen sind rein akustische Alarme oft unzureichend.

Vor der Löschung stehen die Alarmierung und Evakuierung. Optische Alarmgeber wie Blitzleuchten sind in lauten Umgebungen effektiver als akustische Signale.

– SESA Systems, Industrielle Sicherheit und Brandschutz

Die Kombination aus optischen und akustischen Signalen, gekoppelt an ein effizientes Löschsystem, bildet das Rückgrat eines robusten Brandschutzkonzepts. Es schützt nicht nur Ihre Ware, sondern vor allem das Leben Ihrer Mitarbeiter.

Die Senkung der Unfallquote ist kein einmaliges Projekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess der Verbesserung und Wachsamkeit. Beginnen Sie noch heute mit der Überprüfung Ihrer Sicherheitskonzepte und der Schliessung potenzieller Haftungslücken, bevor ein Vorfall Sie dazu zwingt.

Häufig gestellte fragen zur unfallprävention im lager

Was unterscheidet zulässige von unzulässiger Überwachung?

Unzulässig ist die pauschale Leistungs- und Verhaltenskontrolle von Mitarbeitern. Erlaubt ist unter strengen Auflagen und nach Abwägung der Interessen der Schutz des Eigentums gemäss Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) und Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Dies erfordert meist einen konkreten Anlass.

Welche datenschutzkonformen Alternativen gibt es?

Moderne Alternativen fokussieren auf Prozesse statt auf Personen. Dazu gehören die anonymisierte Videoanalyse, die nur verdächtige Bewegungsmuster ohne Personenidentifikation erkennt, sowie die lückenlose Überwachung von Warenbewegungen durch Scansysteme anstelle der direkten Beobachtung von Mitarbeitern.

Muss der Betriebsrat einbezogen werden?

Ja, bei jeder Form der Einführung und Anwendung von technischen Einrichtungen, die dazu bestimmt sind, das Verhalten oder die Leistung der Arbeitnehmer zu überwachen, ist die Mitbestimmung des Betriebsrats zwingend erforderlich. Dies gilt auch für scheinbar harmlose Systeme.

Geschrieben von Jens Jens Hoffmann, Logistikmeister und Experte für Lagerlogistik, Intralogistik und Arbeitssicherheit. 18 Jahre Erfahrung in der Planung und operativen Leitung von Hochregallagern und Fulfillment-Centern.