Veröffentlicht am März 12, 2024

Wahre Lieferkettenresilienz entsteht nicht durch reaktive Notfallpläne, sondern durch die proaktive Einbettung von Risikointelligenz in Ihre strategische Planung.

  • Die Konzentration auf einen einzigen, günstigen Lieferanten ist eine trügerische Sicherheit, die systemische Risiken wie Insolvenz oder geopolitische Schocks ignoriert.
  • Moderne Technologien wie KI-Algorithmen ermöglichen präzisere Prognosen und eine dynamische Reaktion auf Störungen, die mit traditionellen Tools wie Excel unerreichbar sind.

Empfehlung: Beginnen Sie mit der Quantifizierung Ihrer Tier-2-Lieferantenrisiken, da hier die grösste und oft unsichtbare Gefahr für unvorhergesehene Produktionsstopps lauert.

Die Ära der berechenbaren, stabilen globalen Lieferketten ist vorbei. Geopolitische Spannungen, Pandemien, extreme Wetterereignisse und wirtschaftliche Volatilität sind keine Ausnahmen mehr, sondern die neue Normalität. Viele Unternehmen reagieren auf diese Unsicherheit, indem sie an alten Paradigmen festhalten: Sie jagen weiterhin dem niedrigsten Einkaufspreis nach oder halten an starren Just-in-Time-Modellen fest, in der Hoffnung, dass die nächste Krise sie verschont. Doch diese reaktive Haltung ist heute die grösste Gefahr für die eigene Produktion.

Die Antwort liegt nicht darin, einfach nur die Lagerbestände zu erhöhen oder panisch neue Lieferanten zu suchen, wenn eine Störung bereits eingetreten ist. Wahre Resilienz ist kein Kostenfaktor, sondern ein strategischer Wettbewerbsvorteil. Sie erfordert einen fundamentalen Wandel in der Denkweise: weg von der reinen Kostenoptimierung hin zu einer intelligenten Risiko-Kosten-Abwägung. Es geht darum, Risiko als eine strategische Variable zu verstehen, die jede Entscheidung beeinflusst – von der Auswahl der Partner über die Gestaltung der Lagerstrategie bis hin zum Einsatz von Technologie.

Dieser Wandel hin zur Risikointelligenz ist der Kern einer zukunftsfähigen Lieferkette. Statt auf Störungen nur zu reagieren, lernen resiliente Organisationen, sie zu antizipieren, ihre Auswirkungen zu dämpfen und sich schneller als der Wettbewerb von ihnen zu erholen. Dieser Artikel führt Sie durch die entscheidenden strategischen Hebel, um Ihre Produktion nicht nur abzusichern, sondern Ihre gesamte Lieferkette als robustes, agiles System neu zu gestalten.

Um diese Transformation erfolgreich zu meistern, beleuchten wir die kritischsten Handlungsfelder. Der folgende Überblick strukturiert die strategischen Überlegungen, die für den Aufbau einer krisenfesten Lieferkette unerlässlich sind.

Warum ein einziger Lieferant Ihr grösstes Risiko ist, auch wenn er billiger ist

Die Konzentration auf einen einzigen Lieferanten (Single Sourcing) ist eine der verführerischsten Kostenfallen im Supply Chain Management. Die Vorteile scheinen offensichtlich: höhere Bestellvolumina führen zu besseren Preisen, die Beziehungs- und Prozesskosten sind minimiert. Doch diese Effizienz ist eine Illusion, die auf der Annahme einer stabilen Welt beruht. In der heutigen Realität ist diese Abhängigkeit ein unkalkulierbares Risiko. Ein einziger Ausfall – sei es durch eine Naturkatastrophe am Produktionsstandort, einen Streik, eine politische Krise oder eine Insolvenz – kann Ihre gesamte Produktionslinie lahmlegen.

Das Risiko ist nicht nur theoretisch. Die wirtschaftliche Instabilität führt zu greifbaren Konsequenzen, auch bei etablierten Partnern. So gab es laut aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes allein in den ersten vier Monaten des Jahres 2024 einen 16,8 % Anstieg der Insolvenzen in Deutschland im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Ein solcher Anstieg verdeutlicht, dass selbst vermeintlich sichere Lieferanten im Heimatmarkt unerwartet ausfallen können. Der scheinbare Preisvorteil des Single Sourcing wird durch die potenziellen Kosten eines Produktionsstillstands um ein Vielfaches übertroffen.

Die Lösung liegt in der strategischen Redundanz, beispielsweise durch ein Dual-Sourcing-Modell. Dabei wird das Einkaufsvolumen auf zwei oder mehr Lieferanten aufgeteilt, idealerweise in unterschiedlichen geografischen Regionen. Die Mehrkosten, die durch geringere Volumen oder höheren Verwaltungsaufwand entstehen, sind keine Verschwendung, sondern eine Versicherungsprämie gegen den Totalausfall. Ein strategischer Risikomanager kalkuliert nicht nur den Einkaufspreis, sondern auch die Kosten eines potenziellen Lieferstopps und investiert proaktiv in die Absicherung.

Just-in-Time oder Sicherheitsbestand: Die richtige Balance bei volatilen Märkten

Das Just-in-Time-Prinzip (JIT) war jahrzehntelang das Idealbild der Effizienz: minimale Lagerbestände, reduzierte Kapitalbindung und eine perfekt getaktete Produktion. Doch dieses Modell ist für stabile und vorhersehbare Märkte konzipiert. In einer volatilen Welt, in der Lieferzeiten unberechenbar schwanken und Nachfragespitzen plötzlich auftreten, wird JIT von einer Tugend zur Achillesferse. Ein einziger verspäteter Container aus Übersee kann die Produktion für Wochen stoppen.

Die Gegenstrategie, Just-in-Case (JIC), bei der hohe Sicherheitsbestände vorgehalten werden, ist jedoch ebenfalls keine Universallösung. Sie bindet wertvolles Kapital, erhöht Lager- und Versicherungskosten und birgt das Risiko, auf veralteten Komponenten sitzen zu bleiben. Die moderne Herausforderung für Supply Chain Manager besteht darin, eine intelligente Balance zwischen diesen beiden Extremen zu finden. Es geht nicht mehr um ein „Entweder-oder“, sondern um ein „Sowohl-als-auch“, das sich an der Kritikalität der jeweiligen Komponente orientiert.

Dieser strategische Balanceakt wird in der folgenden Gegenüberstellung verdeutlicht.

Just-in-Time vs. Just-in-Case Strategien
Strategie Vorteile Risiken Eignung
Just-in-Time Minimale Lagerkosten, Hohe Effizienz Anfällig für Störungen Stabile Märkte
Just-in-Case Hohe Resilienz, Flexibilität Höhere Kapitalbindung Volatile Märkte

Eine differenzierte Herangehensweise ist der Schlüssel: Für unkritische Standardteile mit vielen verfügbaren Lieferanten kann ein JIT-Ansatz weiterhin sinnvoll sein. Für strategisch wichtige oder schwer zu beschaffende Komponenten ist hingegen ein strategischer Pufferbestand unerlässlich. Dieser Puffer ist keine Verschwendung, sondern eine gezielte Investition in die Aufrechterhaltung der Produktion. Die Höhe dieses Bestands sollte dynamisch auf Basis von Risikobewertungen und Prognosedaten angepasst werden.

Strategische Bestandsplanung zwischen Effizienz und Sicherheit

Die Kunst besteht darin, die Lieferkette zu segmentieren und für jedes Segment die optimale Bestandsstrategie zu definieren. Moderne Planungstools können dabei helfen, den idealen Sicherheitsbestand zu berechnen, der das Serviceniveau maximiert und gleichzeitig die Kapitalbindung minimiert. So wird aus einem starren Prinzip eine flexible, datengestützte Entscheidung.

Kennen Sie die Lieferanten Ihrer Lieferanten? Das Risiko der Tier-2-Ebene

Die meisten Unternehmen haben heute einen guten Überblick über ihre direkten (Tier-1) Lieferanten. Doch die wahre Gefahr lauert oft eine Ebene tiefer, bei den Zulieferern Ihrer Zulieferer (Tier-2). Ein Brand in einer Fabrik, die einen speziellen Kunststoffgranulat herstellt, kann die Produktion Ihres Tier-1-Partners für Kunststoffteile lahmlegen – und damit indirekt auch Ihre. Dieses Risiko bleibt oft unsichtbar, bis es zu spät ist, denn die Transparenz in der Lieferkette endet meist beim direkten Vertragspartner.

Das Ausmass dieser „Blindheit“ ist alarmierend. Eine BME-Studie von 2024 zeigt, dass nur 14 % der Unternehmen Transparenz über die zweite Lieferantenstufe hinaus haben. Das bedeutet, 86 % der Firmen navigieren im Ungewissen und sind den Risiken ihrer Sublieferanten schutzlos ausgesetzt. Ohne diese strukturelle Transparenz ist ein proaktives Risikomanagement unmöglich. Sie können ein Risiko nicht managen, das Sie nicht kennen.

Die vollständige Kartierung der gesamten Lieferkette bis zur Rohstoffquelle ist für die meisten Unternehmen unrealistisch und unwirtschaftlich. Der Ansatz muss daher risikobasiert sein. Es gilt, die kritischen Komponenten zu identifizieren, deren Ausfall die grössten Auswirkungen auf Ihre Produktion hätte. Für diese A-Teile ist eine tiefere Analyse der Lieferkette unerlässlich. Dies erfordert eine enge Zusammenarbeit mit den Tier-1-Lieferanten, um Informationen über deren wichtigste Zulieferer zu erhalten und diese in die eigene Risikobewertung einzubeziehen.

Ihr Aktionsplan zur Tier-2-Risikoanalyse

  1. Risiko-Identifikation: Identifizieren Sie die 20% der Komponenten, die 80% Ihres Risikos ausmachen (Pareto-Prinzip).
  2. Vertragliche Verankerung: Verankern Sie vertraglich ein Auskunftsrecht über Tier-2-Lieferanten für diese kritischen Teile.
  3. Risiko-Matrix: Führen Sie eine Risikomatrix (Eintrittswahrscheinlichkeit vs. Schadenshöhe) für die identifizierten Tier-2-Lieferanten ein.
  4. Regelmässige Überprüfung: Etablieren Sie regelmässige Audits oder Self-Assessments bei strategisch wichtigen Tier-2-Partnern.
  5. Alternative Strategien: Entwickeln Sie proaktiv alternative Beschaffungsstrategien (z.B. qualifizierte Zweitlieferanten) für Hochrisiko-Komponenten.

Lohnt sich die Rückverlagerung der Produktion nach Osteuropa für schnellere Reaktion?

Als Reaktion auf die Fragilität globaler Lieferketten gewinnt das Konzept des Nearshoring – die Verlagerung von Produktionsprozessen in geografisch nähere Länder – zunehmend an Bedeutung. Insbesondere Osteuropa rückt als attraktive Alternative zur Beschaffung aus Fernost in den Fokus deutscher Industrieunternehmen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Kürzere Transportwege reduzieren die Lieferzeiten von Wochen auf Tage, was die Reaktionsfähigkeit auf Nachfrageschwankungen drastisch erhöht und die Abhängigkeit von überlasteten Seehäfen verringert.

Zudem ermöglichen die geringeren kulturellen und zeitlichen Unterschiede eine engere und agilere Zusammenarbeit mit den Lieferanten. Die politische und wirtschaftliche Stabilität innerhalb der EU bietet ausserdem ein höheres Mass an Planungssicherheit im Vergleich zu manch anderer globalen Beschaffungsregion. Diese Faktoren tragen dazu bei, die Lieferkette insgesamt robuster und weniger anfällig für plötzliche Disruptionen zu machen.

Allerdings ist Nearshoring kein Allheilmittel und erfordert eine sorgfältige Kosten-Risiko-Abwägung. Die Lohn- und Produktionskosten in Osteuropa sind in der Regel höher als in Asien. Es muss genau kalkuliert werden, ob die Vorteile der höheren Agilität und Versorgungssicherheit diesen Kostenaufschlag rechtfertigen. Nicht für jedes Produkt ist dieser Schritt wirtschaftlich sinnvoll. Eine detaillierte Total-Cost-of-Ownership-Analyse, die neben dem reinen Einkaufspreis auch Transport-, Lager-, Qualitäts- und Risikokosten berücksichtigt, ist unerlässlich.

Letztendlich ist die Entscheidung für oder gegen eine Verlagerung nach Osteuropa eine strategische. Sie hängt von der spezifischen Produkt- und Marktstrategie ab. Für Unternehmen, deren Wettbewerbsvorteil auf schneller Lieferung und hoher Flexibilität beruht, kann Nearshoring ein entscheidender Hebel sein. Für preissensible Massenprodukte könnte die globale Beschaffung trotz der Risiken weiterhin die bessere Option bleiben. Eine hybride Strategie, die Nearshoring für kritische Komponenten und globales Sourcing für Standardteile kombiniert, ist oft der intelligenteste Weg.

Wie Algorithmen Nachfrageschwankungen besser vorhersagen als Excel

Viele Unternehmen verlassen sich bei der Nachfrageplanung immer noch auf Excel-Tabellen und historische Verkaufsdaten. Dieser Ansatz ist reaktiv und kann komplexe, nicht-lineare Muster nur unzureichend abbilden. Er ignoriert externe Faktoren wie Markttrends, Wetterdaten oder Social-Media-Stimmungen, die die Nachfrage massgeblich beeinflussen können. In einem volatilen Marktumfeld führt dies zu ungenauen Prognosen, die entweder zu kostspieligen Überbeständen oder zu schmerzhaften Out-of-Stock-Situationen führen.

Moderne, KI-gestützte Algorithmen bieten hier einen Quantensprung. Sie sind in der Lage, riesige Mengen an internen und externen Daten in Echtzeit zu analysieren und verborgene Muster zu erkennen. Diese prädiktive Analytik ermöglicht eine weitaus präzisere Vorhersage von Nachfrageschwankungen. Die Nutzung solcher fortschrittlichen Technologien ist keine Zukunftsmusik mehr, sondern etablierte Praxis. Eine globale Fachumfrage von JFrog aus dem Jahr 2024 ergab, dass bereits 90 % der IT-Fachleute KI/ML für Sicherheitsscans und Risikomanagement einsetzen – ein Trend, der sich rasant auf die gesamte Lieferkettenplanung ausweitet.

Der fundamentale Unterschied zwischen traditionellen Methoden und KI-basierten Systemen liegt in ihrer Fähigkeit zur dynamischen Allokation von Ressourcen. Sie prognostizieren nicht nur die Nachfrage, sondern können auch Handlungsempfehlungen geben, wie die Produktion und Distribution optimal angepasst werden sollten. Der folgende Vergleich zeigt die Überlegenheit algorithmischer Systeme.

Excel vs. KI-gestützte Prognose-Tools
Kriterium Excel KI-Algorithmen
Datenquellen Manuelle Eingabe Echtzeit-Schiffsverkehr, Wetter, Social Media
Prognosegenauigkeit Linear, historisch Mustererkennung, präskriptiv
Reaktionszeit Stunden bis Tage Millisekunden
Skalierbarkeit Begrenzt Unbegrenzt

Die Implementierung solcher Systeme erfordert eine Investition in Technologie und Know-how, doch der Return on Investment ist erheblich. Unternehmen, die auf prädiktive Analytik setzen, können ihre Lagerbestände optimieren, die Lieferfähigkeit verbessern und ihre Reaktionsgeschwindigkeit auf Marktveränderungen signifikant erhöhen. Sie ersetzen das „Bauchgefühl“ und die Vergangenheitsanalyse durch datengestützte Risikointelligenz.

Warum scheitern 30 % der termingerechten Lieferungen trotz Planung?

Es ist ein frustrierendes Szenario, das jeder Supply Chain Manager kennt: Trotz sorgfältiger Planung, bestätigter Bestellungen und zugesagter Liefertermine kommen Waren zu spät an. Die pauschale Angabe von „30 %“ mag variieren, aber das zugrunde liegende Problem ist universell. Die Ursache liegt selten in einem einzigen, isolierten Fehler, sondern in systemischen Schwächen und Datenlücken innerhalb der Lieferkette.

Eine der Hauptursachen ist der Mangel an End-to-End-Transparenz. Viele Unternehmen haben keinen Echtzeit-Einblick in den Status ihrer Sendungen, sobald diese das Werk des Lieferanten verlassen haben. Sie sind auf manuelle Status-Updates angewiesen, die oft verspätet oder ungenau sind. Tatsächlich haben laut dem Hermes-Barometer zu Supply Chain Management 42 % der grossen Firmen blinde Stellen in ihrer Lieferkette, was eine zielgerichtete Reaktion auf Verzögerungen unmöglich macht.

Ein weiterer entscheidender Faktor sind organisatorische Silos. Wenn Vertrieb, Planung und Einkauf nicht nahtlos kommunizieren, entstehen Informationsverzerrungen. Eine kurzfristige Vertriebsaktion, die nicht mit der Beschaffung abgestimmt ist, führt unweigerlich zu Engpässen. Hinzu kommt der sogenannte Bullwhip-Effekt: Kleine Nachfrageschwankungen auf Endkundenebene schaukeln sich über die verschiedenen Stufen der Lieferkette zu immer grösseren Bestellschwankungen auf, was zu einer ungenauen und ineffizienten Planung führt.

Schlechte Stammdatenqualität ist ebenfalls ein häufig unterschätzter Grund. Veraltete Lieferzeiten im ERP-System, falsche Stücklisten oder inkorrekte Bestandsdaten führen zu einer Planung, die auf falschen Annahmen beruht. Um die Liefertreue nachhaltig zu verbessern, müssen Unternehmen daher an diesen systemischen Ursachen ansetzen: Silos aufbrechen, für Echtzeit-Transparenz sorgen und die Datenhygiene zur Priorität machen.

Wie leiten Sie Warenströme um, wenn ein Hafen bestreikt wird?

Ein Streik in einem zentralen Umschlaghafen wie Hamburg, Rotterdam oder Shanghai ist das Albtraumszenario für jede global agierende Lieferkette. Container stauen sich, Schiffe werden umgeleitet und die sorgfältig geplante Logistikkette bricht zusammen. In einer solchen akuten Krise entscheidet die Reaktionsgeschwindigkeit über das Ausmass des Schadens. Unternehmen, die nur auf einen einzigen Transportweg und -partner setzen, sind hier machtlos. Resiliente Organisationen haben hingegen bereits im Vorfeld die Weichen für eine dynamische Umleitung gestellt.

Der Schlüssel liegt in einem mehrdimensionalen Logistikkonzept und vorab definierten Notfallplänen. Das bedeutet, nicht nur alternative Seehäfen als Ausweichoptionen identifiziert zu haben, sondern auch komplett andere Transportmodalitäten in Betracht zu ziehen. Kann die kritische Lieferung per Luftfracht beschleunigt werden? Gibt es eine praktikable Route über die Schiene, beispielsweise die „Neue Seidenstrasse“ für Waren aus China? Diese Alternativen müssen bereits im Vorfeld evaluiert und die Rahmenbedingungen mit entsprechenden Dienstleistern vertraglich fixiert sein.

Ein Supply Chain Control Tower spielt in solchen Situationen seine volle Stärke aus. Diese zentrale Steuerungsplattform sammelt Echtzeit-Daten über Schiffspositionen, Hafenauslastung und alternative Transportkapazitäten. Sie ermöglicht es, die Auswirkungen der Störung sofort zu analysieren und datengestützte Entscheidungen über die beste alternative Route zu treffen. Anstatt tagelang auf Informationen zu warten, können Manager binnen Stunden reagieren und die Umleitung der Warenströme veranlassen. Dies erfordert jedoch eine hohe digitale Reife und eine enge Vernetzung mit den Logistikpartnern.

Die Fähigkeit zur schnellen Reaktion auf eine Hafenblockade ist somit kein Zufall, sondern das Ergebnis strategischer Vorbereitung. Sie basiert auf drei Säulen: der Diversifizierung der Transportwege (Multi-Modality), der vertraglichen Absicherung von Flexibilität und dem Einsatz von Echtzeit-Technologien zur Entscheidungsfindung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Fokussierung auf den billigsten Preis (Single Sourcing, Just-in-Time) ist in volatilen Märkten ein Hochrisikospiel.
  • Wahre Resilienz erfordert strukturelle Transparenz über die gesamte Lieferkette, insbesondere über die kritischen Tier-2-Lieferanten.
  • Moderne KI- und Analytik-Tools sind unerlässlich, um Risiken vorherzusagen und Ressourcen dynamisch zu steuern, anstatt nur zu reagieren.

Wie erfüllen Sie das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz ohne bürokratischen Kollaps?

Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) verpflichtet Unternehmen in Deutschland, die Einhaltung von Menschenrechten und Umweltstandards in ihren globalen Lieferketten sicherzustellen. Für viele Supply Chain Manager wirkt dies zunächst wie ein weiterer bürokratischer Albtraum, der enorme Kosten und Aufwände verursacht. Seit 2024 müssen laut Angaben der Bundesregierung rund 4.800 Unternehmen in Deutschland das LkSG umsetzen, was den Druck auf die betroffenen Abteilungen erhöht.

Ein Versuch, jeden einzelnen Lieferanten bis ins letzte Glied zu kontrollieren, ist jedoch zum Scheitern verurteilt und würde tatsächlich zu einem bürokratischen Kollaps führen. Der Gesetzgeber fordert dies auch nicht. Der Schlüssel zu einer pragmatischen und wirksamen Umsetzung liegt in einem risikobasierten Ansatz. Anstatt mit der Giesskanne zu agieren, müssen Unternehmen ihre Ressourcen dorthin lenken, wo die Risiken am grössten sind.

Eine pragmatische Umsetzung lässt sich in mehrere Schritte unterteilen, die den Aufwand beherrschbar machen:

  • Priorisierung nach Risiko: Konzentrieren Sie sich auf Lieferanten in Ländern mit hohem Risiko und auf solche, die kritische oder risikobehaftete Rohstoffe liefern. Nicht jeder Lieferant benötigt das gleiche Mass an Überprüfung.
  • Automatisierung nutzen: Setzen Sie auf Softwarelösungen für das sogenannte „Adverse Media Screening“ und die Überprüfung von Sanktionslisten. Dies automatisiert die Überwachung tausender Lieferanten auf negative Berichterstattung.
  • Bestehende Strukturen integrieren: Das LkSG muss kein isolierter Prozess sein. Integrieren Sie die Sorgfaltspflichten in Ihre bestehenden Compliance-, Qualitätsmanagement- und Lieferantenbewertungssysteme.
  • Nutzung als Chance: Betrachten Sie das Gesetz nicht nur als Last, sondern als Chance. Die geforderte tiefere Analyse Ihrer Lieferkette schafft genau die Transparenz, die Sie benötigen, um auch operative Risiken besser zu verstehen und Ihre Resilienz zu stärken.

Auf diese Weise wird das LkSG von einer reinen Compliance-Übung zu einem strategischen Instrument. Die Auseinandersetzung mit den sozialen und ökologischen Risiken führt zu einem besseren Gesamtverständnis der eigenen Lieferkette. Unternehmen, die das Gesetz proaktiv und intelligent umsetzen, erfüllen nicht nur ihre gesetzliche Pflicht, sondern legen auch den Grundstein für eine robustere und nachhaltigere Lieferkette.

Die Erfüllung der gesetzlichen Pflichten muss kein unüberwindbares Hindernis sein. Es ist entscheidend, die Anforderungen des LkSG pragmatisch und risikobasiert umzusetzen, um einen Mehrwert zu schaffen.

Beginnen Sie jetzt mit der systematischen Analyse Ihrer Lieferkettenrisiken. Die proaktive Gestaltung einer resilienten Lieferkette ist keine Option mehr, sondern die entscheidende Voraussetzung, um die Produktion zu sichern und Stabilität als echten Wettbewerbsvorteil zu etablieren.

Häufig gestellte Fragen zur Resilienz von Lieferketten

Welche alternativen Routen stehen bei Hafenstreiks zur Verfügung?

Neben der Umleitung auf alternative Seehäfen sind vor allem die Schiene (z.B. die „Neue Seidenstrasse“ für Transporte aus Asien) und die Luftfracht strategische Optionen. Luftfracht ist zwar teurer, kann aber für zeitkritische Hochwertgüter die Produktion sichern. Entscheidend ist, dass Rahmenverträge mit Spediteuren für diese multimodalen Optionen bereits vor Eintritt einer Krise verhandelt wurden.

Wie schnell kann auf alternative Routen umgestellt werden?

Die Reaktionsgeschwindigkeit hängt direkt vom Grad der Digitalisierung und Transparenz ab. Unternehmen, die einen Supply Chain Control Tower mit Echtzeit-Tracking-Daten nutzen, können die Auswirkungen einer Störung sofort bewerten und Entscheidungen über Umleitungen innerhalb weniger Stunden treffen. Ohne diese technologische Unterstützung kann der Prozess mehrere Tage dauern und ist deutlich weniger effizient.

Welche vertraglichen Absicherungen sind notwendig?

Standard-Logistikverträge sind oft nicht ausreichend. Es ist entscheidend, dass Verträge sogenannte multimodale Flexibilitätsklauseln enthalten. Diese Klauseln sollten den Wechsel des Transportmittels (z.B. von See auf Schiene) zu vorab definierten Konditionen und Prozessen ermöglichen, ohne dass jedes Mal neu verhandelt werden muss. Dies gibt Ihnen die nötige rechtliche und operative Agilität im Krisenfall.

Geschrieben von Markus Dr. Markus Weber, Senior Supply Chain Strategist und Dozent für Logistikmanagement mit über 15 Jahren Erfahrung in der Optimierung globaler Lieferketten. Spezialisiert auf Risikomanagement, LkSG-Compliance und Just-in-Time-Prozesse in der Automobil- und Fertigungsindustrie.